Ursprünglich bezog sich dieser Satz auf die verfolgten und schikanierten Christen der Urgemeinde. Sie sind die „Gefangenen“, die hier gemeint sind. Der Verfasser erinnert die Adressaten eindringlich daran, dass auch sie selbst noch in einem irdischen Leib leben. Im Klartext hieß das: Schon morgen kann es euch treffen. In Zeiten der Verfolgung war niemand vor dem plötzlichen Absturz sicher.
Manche Menschen nehmen diese historische Information vielleicht mit Erleichterung auf – weil sie keine Lust haben, ihr Mitgefühl Kriminellen zu schenken. Doch es ist keineswegs verkehrt, wenn wir bei dem Wort „Gefangene“ heute auch an die Menschen in unseren Gefängnissen denken. Das Mitgefühl mit den Schuldiggewordenen hat im Christentum eine lange, tief verwurzelte Tradition, die bei Jesus selbst beginnt. Seine Barmherzigkeit galt eben nicht nur den unschuldig Leidenden. Er suchte ganz bewusst jene auf, die am Rand der Gesellschaft lebten, gefürchtet und gemieden: Leprakranke, Außenseiter, Prostituierte, Besessene und Sünder aller Art – all jene, über die die Welt bereits den Stab gebrochen hatte. Selbst gegenüber den verhassten Zöllnern, den Kollaborateuren mit der römischen Besatzungsmacht, war er offen. Wenn Menschen bei ihm Zuflucht suchten, fragte er nie, ob sie seine Hilfe auch verdient hatten. Es reichte ihm, dass sie Hilfe brauchten.
Es ist daher zutiefst sinnvoll, wenn wir bei dem Wort „Gefangene“ an beide Kategorien denken: an die unschuldig Verfolgten und an die Schuldiggewordenen.
Darüber hinaus besitzt das Wort eine starke metaphorische Bedeutung. Wir alle sind in gewisser Weise Gefangene unserer eigenen Schwächen: unserer schlechten Gewohnheiten, unserer Ängste und Neurosen, unseres Leistungsdenkens oder unserer ungesunden Ambitionen. Wir alle haben guten Grund zur Solidarität und zum Mitgefühl mit den Unglücklichen dieser Welt. Denn wir alle existieren in einem vergänglichen Körper, der in einer unberechenbaren und oft gefährlichen Welt verweilt. Wir alle sind bereits mitgefangen.
Ihr Nikolaj Dušek